Das Publikum emotional rühren

Digital: Knut Weber weiß mit dem iPhone umzugehen
Digital: Knut Weber weiß mit dem iPhone umzugehen (Fotos: hk)

Intendant Knut Weber über das Theater im Zeitalter des Digitalen

Wir leben im digitalen Zeitalter. Zu Fernsehen und Radio ist das Internet mit seinen unzähligen Angeboten hinzugekommen. Wie kann sich da das analoge Theater behaupten? Wir sprachen darüber mit Knut Weber, dem Intendanten des Stadttheaters Ingolstadt.

Herr Weber, was kennzeichnet das Theater? Was unterscheidet es von digitalen Angeboten im Internet?

Die Grundformel des Theaters lautet: A spielt B für C und zwar bei gleichzeitiger Anwesenheit von C. Das ist wichtig: Wenn zwei Schauspieler auf der Bühne miteinander spielen, dann ist das noch kein Theater. Beim Theater geht es um das gleichzeitige Erleben im Raum. Das Theater ist nach wie vor ein im Kern analoges Medium und wird es auch immer bleiben. Natürlich wird das Digitale von den Theatern auch genutzt, sei es für den komplexen Verwaltungsapparat, für die Öffentlichkeitsarbeit, für die künstlerischen Abteilungen, wie Licht oder Ton. Und das Theater Ingolstadt nutzt ja Facebook, Twitter und die anderen sozialen Medien zur Verbreitung seiner Arbeit, für Werbezwecke und um mit den Zuschauern zu kommunizieren. Aber ich glaube dass die sozialen Medien und das Internet das Kerntheatererlebnis, das analoge Erleben, nicht ersetzen können.

Was ist das Kerntheatererlebnis?

Das ist eben die emotionale Berührung des Publikums durch das, was auf der Bühne stattfindet. Jede Aufführung ist tatsächlich anders, hat eine andere Energie. Das werden Ihnen die Schauspieler bestätigen. Eine Aufführung kann heute fliegen und brillieren und am nächsten Tag ist sie zäh. Das hat immer etwas zu tun mit dem berühmten Funken, der manchmal überspringt und manchmal nicht.

Das Gesamtprodukt hängt also auch vom Zuschauer und seiner Reaktion ab?

Absolut. Der Zuschauer ist integraler Bestandteil des Theatererlebnisses. Er beeinflusst das Geschehen auf der Bühne.

Was wissen Sie über Ihre Zuschauer?

Das Internet hat das Freizeitverhalten der Gesellschaft total verändert. Die Menschen haben heute im Prinzip mehr Freizeit und sie nutzen sie anders, entscheiden sich spontaner. Darauf müssen die Theater mit flexiblen Angeboten reagieren. Wir müssen die Abonnementangebote überdenken. Das Einplanen von verbindlichen Terminen im Monat für Theater ist nicht mehr so selbstverständlich. Wir müssen auch bedenken, dass sich die Mittelschicht anders entwickelt hat. Sie bildete in der Vergangenheit den Kern des Theaterpublikums. Da kommt etwas ins Rutschen. Außerdem haben wir viele Menschen mit Migrationshintergrund, die mit dem Theater zunächst keine Berührung haben. Hier müssen wir Angebote machen, das ist gesellschaftspolitisch und kulturpolitisch notwendig. Wir haben auch einen Bildungsauftrag. In Ingolstadt haben etwa 40% der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Wenn man noch die bildungsfernen Schichten der Bevölkerung dazu rechnet, dann richtet sich das traditionelle Theater- und Kulturangebot an 30 bis 4o% der Bevölkerung. Das ist zu wenig.

Was werden Sie da anbieten?

Es gibt keinen Königsweg. Zum einen muss das Theater zu den entsprechenden Orten hingehen. Das tun wir bereits. Wir machen zum Beispiel Stadtteilprojekte. Und wir haben jetzt einen LKW beschafft mit ausklappbarer Bühne. Damit werden wir in die Vororte fahren und dort Theater spielen – Straßentheater eben. Bei unseren Engagements müssen wir vielfältiger, das heißt auch: vielfarbiger werden. Die Fußball-Nationalmannschaft hat es ja vorgemacht. Die Hautfarbe darf auch bei Engagements keine Rolle mehr spielen. Und wir müssen ansprechende theaterpädagogische Angebote machen und passende Theaterpädagogen einstellen, die zum Beispiel russisch- oder türkischstämmig sind oder was auch immer. Es gibt viele Wege für das Theater, wenn es sich öffnen will.

Indem Sie aus dem Theater hinausgehen, versuchen Sie aber auch die Leute ins Theater hinein zu locken?

Natürlich! Der Theaterbesuch ist ja ein ganz wichtiger Teil des Kulturerlebnisses und des Genusses. Auch wenn das Repräsentationsbedürfnis nicht mehr so wichtig ist wie früher, das kann man heute anders befriedigen. Aber das gemeinsame Erlebnis im Bühnenraum ist einzigartig und man kann sich im Foyer begegnen und mit anderen Menschen sprechen. Das Ingolstädter Foyer ist wunderbar und sehr besonders. Das Theater ist, um es salopp mit Brecht zu formulieren, ein Unterhaltungsetablissement – man wird unterhalten und man kann sich unterhalten. Der Wohlfühlfaktor liegt mir am Herzen. Deswegen bin ich über neues Theaterrestaurant „Jedermann“ auch froh! Die Menschen sollen auch zu uns kommen, um zu essen, zu trinken, miteinander zu reden. Man kann jetzt leicht mit den Schauspielern und Theatermachern ins Gespräch kommen. Das ist wichtig und entspricht auch dem ursprünglichen Konzept des Hauses, in dem es ja auch einen Festsaal gibt und einen Ausstellungsraum. Das ist eine ganz moderne Konzeption, die man damals in den sechziger Jahren entwickelt hat.

Sehen Sie digitale Medien, wie etwa Facebook oder Instagram, weil es andere Kommunikationsströme sind, als eine Bedrohung für das herkömmliche Theater?

Nein, das glaube ich nicht. Das Kulturverhalten ändert sich, das stimmt. Die Leute lesen z.B. weniger Bücher. Es tobt ja gerade eine Debatte um die Lesekultur und die Rolle der Verlage. Das analoge Lesen, das haptische Erlebnis nimmt ab und auch die Theater müssen sich auf diese gesellschaftliche Veränderung einstellen. Aber wir versuchen auch die Möglichkeiten zu nutzen, die das Netz bietet – auch in der Kunst selber. Wir haben einen Blog eingerichtet und einen Podcast auf unserer Homepage. Wir nutzen die sozialen Medien und produzieren Trailer von unseren Produktionen. Also wir sollten nicht schmollend in der Ecke stehen und schimpfen, sondern im Gegenteil alles nutzen, was für das Theater von Vorteil ist. Das ist doch schön: Wir nutzen das Digitale für ein analoges Erlebnis.

Das vollständige Interview lesen Sie im IngolStadtBuch2, das Mitte November im Buchhandel erhältlich sein wird.

Intendant analog mit klassischem Füllfederhalter
Intendant analog mit klassischem Füllfederhalter

Analog: Knut Weber unterschreibt gern mit dem klassischen Füllfederhalter.

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