Gegen den Trend wählen

Bayerischer Landtag- Foto Wikipedia/Radtke

Wahlprognosen sollten die Entscheidung nicht beeinflussen – Kommentar von Hermann Käbisch

Zehn Tage vor der Bayerischen Landtagswahl wussten noch 45 Prozent der Wähler nicht, wem sie letztendlich ihre Stimme geben werden. Der Anteil der treuen Stammwähler schwindet immer mehr. Das Wahlvolk wählt nicht mehr aus Tradition immer die gleiche Partei, sondern “erdreistet” sich, darüber nachzudenken, wer denn die Stimmen bekommen sollte. Und wer denkt, der macht sich im Wahlkampf verdächtig. Da sollen wir doch einfach glauben, was uns die Politiker versprechen. Und nicht darüber nachdenken, was es zum Beispiel kosten und wer das bezahlen wird, wenn etwas versprochen wird – also zum Beispiel kostenlose Kinderbetreuung und Null-Tarif im öffentlichen Personennahverkehr.

Diese verdammten Wechselwähler, ich gehöre dazu, erschweren auch den Umfrageinstituten die Arbeit. Letztere wollen doch schon vor der Wahl sagen, wer gewinnen oder verlieren wird. Mich nerven diese Prognosen, weil sie damit die Wahlentscheidung der Wähler beeinflussen. Nicht politische Argumente sondern die von den Wahlpropheten ausgerufenen Trends wirken sich auf das Wahlverhalten aus. Daher wähle ich diesmal aus Trotz und bewusst Repräsentanten der prognostizierten Wahlverlierer, also Kandidaten von SPD und CSU.

Den Sozialdemokraten wird prophezeit, dass sie im Jahre 2018 nur halb so viele Prozente erhalten wie bei der letzten Wahl vor fünf Jahren. Damals waren es 20,6 Prozent. Angeblich wird den Genossen verübelt, dass sie sich an der Bundesregierung beteiligt haben, anstatt sich in der Opposition programmatisch zu erneuern. Nun, die bayerische SPD ist seit dem letzten Kabinett Hoegner, also seit 1957 in der Opposition. Seitdem “erneuert” sie sich in dieser Rolle und soll nun noch auf etwa zehn Prozent der Stimmen kommen. In der Vergangenheit erreichte die Partei zum Beispiel im Jahre 1966 35,8 und 1994 30,0 Prozent der Stimmen. Die These von der Erneuerung in der Opposition halte ich daher für Quatsch. Ich wähle SPD aus Dankbarkeit, weil sich die Bundes-SPD in Zeiten, in denen andere vor der Regierungsverantwortung gekniffen haben, “geopfert” hat und dem nicht eben populären Kabinett Merkel beigetreten ist, um ein politisches Chaos zu verhindern. Das war staatstragend und ist zu honorieren. Außerdem hätte die SPD, würde sie in Bayern das Sagen haben, den Verkauf von 33 000 Sozialwohnungen – abgesegnet durch Markus Söder – verhindert. SPD wählen bedeutet in meinem Fall: Auf dem großen Stimmzettel B für die Zweitstimmen auf Platz 212 Christian De Lapuente anzukreuzen. Der junge Sozialdemokrat ist ein Pragmatiker, der seit Jahren erfolgreich als ehrenamtlicher Vorsitzender den TSV Nord führt. Er setzt sich für den Breitensport ein, was für mich wichtiger ist als der Profisport. Ich finde es einfach ärgerlich, dass ein mittelmäßiger Balltreter in der Bundesliga mehr verdient als der Bundespräsident.

Ein Opfer der Demoskopen ist auch die CSU. Ihr wird ein Absturz von 48,7 Prozent im Jahre 2013 auf 35 Prozent oder gar weniger vorhergesagt. Zwar hat die Partei im Rahmen der Ablösung von Horst Seehofer durch Markus Söder als Ministerpräsident ein jämmerliches Schauspiel veranstaltet. Und auch die Holzhammermethode in der Asylpolitik hat viele Wähler verschreckt. In manchem CSU-Wähler steckt halt eben doch christliche Gesinnung. Doch der radikale Abwärtstrend der letzten Wochen ist wohl auch durch die immer schlechter werdenden Prognosen verstärkt worden. Nach menschlichem Ermessen wird eine Regierungsbildung in Bayern ohne die CSU nicht stattfinden. Da ist mir persönlich wichtig, dass in den neu gewählten Landtag Männer wie Alfred Grob mit einem starken Ergebnis einziehen. Der erfahrene Polizist (Kripo-Chef in Ingolstadt) kennt die Probleme der inneren Sicherheit, die viele Bürger beunruhigen. Er denkt differenziert und steht für eine Sicherheitspolitik mit Augenmaß. Für ihn ist es keine Überraschung, wenn die Polizei in Zentralunterkünfte für Flüchtlinge oft einrücken muss. Wie er bei einer Podiumsdiskussion erläuterte, sind dort viele junge männliche Flüchtlinge – also eine auch bei Deutschen eher anfällige “Klientel” – und Anhänger vieler rivalisierender ethnischer Gruppierungen auf engem Raum untergebracht. Das birgt Konfliktpotenzial in sich. Grob kennt diese Probleme und vor allem auch die Ängste der Einheimischen. Politiker mit seiner Sachkenntnis und seinem Formats sollten in den Landtag. Er steht auf dem Stimmzettel A (Stimmkreiskandidaten) an erster Stelle.

Dies ist meine höchstpersönliche Entscheidung für diese eine Wahl. Es gibt viele Gründe, die Kandidaten anderer Parteien zu wählen. Das haben die verschiedenen Diskussionsrunden in der Region gezeigt. Jede Entscheidung ist zu respektieren. Schwer fällt mir dies nur bei denjenigen, die wegen drohender Dieselfahrverbote AfD wählen wollen.

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