Keine Ordens-Brüder

Ernst Aichner mit Militär-Max-Joseph-Orden

Ernst Aichner und Ansgar Reiß gelten nicht als Blutsbrüder oder “Alte Kameraden”. Was sie verbindet? Beide waren Direktoren des Bayerischen Armeemuseums. Aber ein Militärorden führte zu Meinungsverschiedenheiten.

Der frühere Direktor des Bayerischen Armeemuseums Ernst Aichner und sein Nachfolger Ansgar Reiß zählen sich wechselseitig nicht zu ihren Freunden. Selbst Geschenke des Vereins der Freunde des Armeemuseums – Aichner war zwischenzeitlich dessen Vereinsvorsitzender – an das Museum führten zu Spannungen. Im IngolStadtBuch1 legt Aichner – im Zeitpunkt des Interviews noch Vorsitzender des Vereins – die Gründe für das Zerwürfnis aus seiner Sicht dar. Der Militär-Max-Joseph-Orden spielt dabei eine Rolle.

Hier ein Auszug des Interviews mit Aichner aus dem Buch, das im Buchhandel für 6,90 Euro in Ingolstadt erhältlich ist.

Eine Zuwendung der Freunde des Bayerischen Armeemuseums hat zu einem Konflikt oder einer Missstimmung geführt?
Da liegen Sie richtig. Zwar gab es auch zwischen Manfred Dumann, der von 1989 bis 2016 höchst geschätzter Vorsitzender des Freundeskreises war, einmal Spannungen mit dem jetzigen Direktor Ansgar Reiß. Da ging es aber um eine Wehrmachtsausstellung und nicht um eine Zuwendung des Freundeskreises.

Mit mir gab es Meinungsverschiedenheiten wegen des Erwerb eines Militär-Max-Josef-Ordens, den der Direktor nicht wollte. Ein Exemplar dieses Ordens wurde in München versteigert. Als dies bekannt wurde, gab es einen zustimmenden Vorstandsbeschluss im Verein und auch, nach dem der Orden ersteigert worden war, stimmte der Vorstand nochmals diesem Vorgehen zu. Ich persönlich schätze diesen Orden sehr und war daher auch am Erwerb interessiert, weil sich mit dem konkreten Ordensträger eine einmalige Geschichte verbindet. Der Vater des Ordensträgers stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Augsburg, war Bauer und Handwerker. Nur mit allergrößter Mühe gelang es ihm, seinem Sohn die Ausbildung zum Lehrer zu finanzieren. Der Sohn musste noch kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges seine Wehrpflicht ableisten und zog als Gefreiter in den Krieg. Aufgrund seiner Ausbildung – Lehrer – hatte er aber die Möglichkeit, innerhalb der Armee zum Offizier aufzusteigen.
Im Krieg zeichnete er sich im Kampf gegen Russland aus, hatte sich als besonders tapfer erwiesen. Der Wahlspruch des Ordens lautet „Tapferkeit für das Vaterland“. Aufgrund dieses Einsatzes wurde ihm zunächst das Ritterkreuz des Militär-Max-Josef-Ordens verliehen. Das ist die unterste Stufe. Mit der Verleihung dieses Ordens erhielt er den persönlichen Adelstitel und durfte sich fortan Ritter von Steiner nennen. Dieser Adelstitel bezog sich nur auf die Person des Ordensträger, also nicht auf Familienangehörige und war auch nicht vererblich. Zu diesem Zeitpunkt war Steiner bereits Offizier, was Voraussetzung war, um den Orden zu erhalten. Kurz vor Ende des ersten Weltkrieges, im Jahre 1918, gelang es ihm dann an der Westfront, wo Deutschland nochmals versuchte, eine Kriegswende herbeizuführen, eine sehr kriegswichtige englische Stellung von strategischer Bedeutung in Flandern zu nehmen. Kurz nach dieser Tat wurde er tödlich verletzt. Dafür wurde ihm posthum vom gleichen Orden die höhere Rangstufe, das Kommandeurkreuz, verliehen. Dieses wurde an Inländer von 1806, als der Orden gestiftet wurde, bis 1918 weniger als zwanzig Mal verliehen.

Dieses Kommandeurkreuz habe ich für den Verein und das Museum bei einer Auktion ersteigert. Entscheidend für mich war in diesem Fall auch, dass dieser Orden nicht an einen Berufsoffizier, sondern an einen Wehrpflichtigen und Reserveoffizier, der aus einfachen Verhältnissen kam, verliehen wurde. Zur damaligen Zeit war ein Aufstieg in der Gesellschaft nicht ohne weiteres möglich. Die bayerische Armee bot allerdings Chancen dazu. Dies zeigt die Verleihung des Ordens an Steiner.

Was diesen Orden auch besonders auszeichnet, ist nach meiner Auffassung, dass hier ein demokratisches Element nicht zu übersehen ist. Der Orden wurde nämlich nicht vom König persönlich nach eigenem Gutdünken verliehen – wie etwa der Orden Pour le Mérite durch den preußischen König – sondern von einem Komitee, „Ordenskapitel“ genannt. Interessant dabei ist, dass das Gremium nicht einfach Anträge auf eine Verleihung des Ordens abgesegnet hat. Es kam durchaus auch vor, dass Personen und ihre Taten abgelehnt wurden. Sollte ein solcher Orden verliehen werden, mussten auch Zeugen für die „tapfere Tat” vorhanden sein. Zum Beweis der „tapferen Tat“ wurden diese befragt. Dabei wurde keine Rücksicht auf militärische Ränge genommen, es konnten auch einfache Soldaten als Zeugen die Tat bestätigen. In dieser Form kenne ich es nur bei diesem Orden. Nicht zuletzt aus diesem Grunde genoss der Orden allgemein – auch außerhalb der bayerischen Armee – sehr hohes Ansehen.

Aus diesen Gründen wollte ich den Orden erwerben. Ich bestreite nicht, dass das Bayerische Armeemuseum bereits im Besitz von anderen Exemplaren dieses Ordens ist. Mir persönlich ging es dabei um den konkreten Ordensträger und die damit verknüpfte Geschichte. Sie zeigt, wie durchlässig die bayerische Armee damals war. Auch Leute aus einfachen Verhältnissen, das will ich nochmals betonen, konnten geadelt werden und zum Ordensträger avancieren. Festzuhalten ist auch, dass es zwar mehrere Exemplare des Ordens gibt. Jeder Orden trägt aber eine bestimmte Nummer und ist damit mit einer bestimmten Person und deren Schicksal verknüpft. Der derzeitige Leiter des Bayerischen Armeemuseums wollte im Jahr 2017, als der Freundeskreis diesen Orden bei der Versteigerung erworben hat, lieber eine andere Gabe des Vereins haben. Er hätte den Erwerb von Grafiken eines bestimmten Künstlers bevorzugt, von dem es aber auch bereits Grafiken im Besitz des Museums gibt…

Wie könnten die Beziehungen zwischen dem Bayerischen Armeemuseum und dem Freundeskreis verbessert werden?
Der Freundeskreis ist nicht der Befehlsempfänger des Armeemuseums und seines Direktors an der Spitze. Das habe ich selbst in der Zeit, als ich Direktor des Armeemuseums war, auch erfahren. Nicht immer wurden meine Wünsche, wenn es um einen Erwerb ging, den der Freundeskreis finanzieren sollte, erfüllt. Da muss man halt etwas über den Dingen stehen und erkennen, dass nicht immer alle Menschen die gleiche Meinung haben. Ich nehme auch für den Freundeskreis in Anspruch, dass er sich nie parteipolitisch einseitig festgelegt hat. Gründungsmitglied war unter anderem der damalige Oberbürgermeister der Stadt Ingolstadt Dr. Otto Stinglwagner, der bekanntlich der SPD angehörte. Und noch etwas. Wir waren auch immer um ein gutes Verhältnis zur Stadt Ingolstadt bemüht, daher nahm an den Vorstandssitzungen lange Jahre der Ingolstädter SPD-Stadtrat Willi Domke teil. Derzeit sind als Mitglieder der Freunde des Armeemuseums Ingolstadts Bürgermeister Albert Wittmann (CSU) und Peter Springl (Freie Wähler) bekannt.