Phantasie statt Daten-Hysterie

Wissenschafts-Kabarettist Vince Ebert begeisterte mit seinem Vortrag zum “Big Dadaismus”.

Wissenschafts-Kabarettist Vince Ebert machte beim  Zukunftsforum Digitalisierung Lust auf´s selber Denken.

Wenn Sie bei nächsten Besuch einer öffentlichen Badeanstalt einen Menschen beobachten, wie er ins Becken pinkelt, dann könnte dieses ungehörige Verhalten seine Ursache im Zukunftsforum Digitalisierung haben. Genauer: es liegt womöglich am Vortrag von Wissenschafts-Kabarettist Vince Ebert. Der rief das Publikum in der Aula der Technischen Hochschule Ingolstadt nämlich dazu auf, mal etwas Bescheuertes zu machen! Und diesen Aufruf hatte er zuvor auf mitreißende und unterhaltsame Weise begründet.

„Big Dadaismus. Mit gesundem Menschenverstand durch die Digitalisierung“ lautete der Titel des Mut machenden (und saukomischen) Auftritts von Vince Ebert. Dabei entzauberte er die Macht der Algorithmen, indem er etwa feststellte, dass es einem Algorithmus nach dem Scannen von Millionen Youtube Videos mittlerweile gelänge, zu 75 Prozent Katzen korrekt zu identifizieren. Der 2-jährige Sohn seines Nachbarn käme auf 100 Prozent. Dass unsere Daten und damit wir selbst ständig berechnet und analysiert werden, daran zweifelt Ebert nicht. Bei Walmart würde man sogar anhand der Einkaufsgewohnheiten weiblicher Kundinnen erkennen, ob diese schwanger seien. Und zwar bevor diese es selbst wüssten! Er selbst schlägt da seit einiger Zeit zurück und kaufe Produkte, die nicht zusammen passen, also eine Flasche Weizenkorn, zwei Rollen Zahnseide und die Emma: „Dann stelle ich mir vor, wie diese Datenbankexperten von Rewe vollkommen verwirrt auf diese bizarre Einkaufsliste starren. Was ist das für ein Konsument? In welches sozio-demografisches Cluster gehört er? Ist er vielleicht sogar schwanger?“ Zukunftsprognosen, die auf Big Data beruhen, haben laut Vince Ebert einen entscheidenden Fehler: Zukünftiges Verhalten wird aus den Daten der Vergangenheit berechnet. Die Zukunft sei aber nicht berechenbar.

Computer rechnen – Gehirne verstehen

Nur weil ein Computer Unmengen an Berechnungen in immer kürzerer Zeit erledigen kann, besitzt er keine Intelligenz. Diese beruhigende Botschaft war der Kern von Eberts Vortrag. „Computer haben keine Ahnung, was sie tun und warum sie es tun.“ Der Mensch dagegen verfüge über Eigenschaften, die ein Computer nie entwickeln kann: Kreativität, Phantasie und Humor. Der Kreativität und Phantasie sei der menschliche Fortschritt zu verdanken. „Denken ist unsere evolutionäre Nische. Ich wundere mich immer, warum es so wenige machen.“ Vince Ebert forderte in seinem Plädoyer für mehr Phantasie, dass es möglich sein muss, Scheitern zu dürfen. Nur durch Ausprobieren und auch das Fehler machen, würde man sich weiter entwickeln. Leider sei Phantasie nicht sehr effizient:

„Je effizienter ein System aber aufgebaut ist, desto unflexibler kann es auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren. Freiheit, Fortschritt und Innovation gibt es nur zum Preis der Unberechenbarkeit.“

Und auf das Unberechenbare eine Antwort zu finden, das gelinge nur dem Menschen und keiner Maschine. „Wer alle Risiken und Gefahren weg optimieren möchte, beraubt sich aller Chancen.“ Und so rief Vince Ebert die Zuhörer auf: „Haben Sie Mut, Fehler zu machen! Tun Sie etwas Bescheuertes!“ Es kann also gut sein, dass auf einmal jede Menge verrückter Ideen ohne gewissen Ausgang in Ingolstadt und Umgebung auftauchen. Das kann eine Nebenwirkung dieses außergewöhnlichen Veranstaltungsauftakts gewesen sein.

Das Zukunftsforum Digitalisierung wurde durch die Technische Hochschule Ingolstadt (THI) und die Katholische Universität-Eichstätt Ingolstadt (KU) im Rahmen des gemeinsamen Projekts „Mensch in Bewegung“ in Kooperation mit dem Regionalmanagement IRMA organisiert. Im Rahmen der Veranstaltung bekamen Bürger und Bürgerinnen die Gelegenheit, sich zu informieren, in Workshops zu diskutieren sowie Politikern und Vertretern von Wirtschaft und Wissenschaft Fragen und Ideen mitzugeben.