Schutzgeld im Gefängnis?

JVA Anlieferung – Foto: jh

(hk) Werden in bayerischen Gefängnissen Schutzgelder gezahlt? Eigentlich unvorstellbar. Doch Joschi Haunsperger bezahlte in der JVA Gablingen – wo auch Rupert Stadler eingeliefert wurde – für seine Beschützer: mit Tabak.

In seinem Buch Endstation Baggersee – Vom Klinikum-Pressesprecher zum Untersuchungshäftling  (ISBN 978-3-9817390-5-3; für 9,90 Euro Im Buchhandel erhältlich) berichtet Joschi Haunsperger, dass er sich zum eigenen Schutz einer Gruppe angeschlossen hatte, für deren Schutz er mit Tabak – der Währung im Gefängnis – gezahlt hat.

Hier das entsprechende Kapitel:

Schutzgeld

Herr Haunsperger, hatten Sie eigentlich bei Ihrer Verhaftung Geld dabei und was ist während der Untersuchungshaft daraus geworden?
Ich kann von Glück reden, dass ich kurz bevor ich zum Baggersee gefahren bin, wo ich verhaftet wurde, Geld abgehoben hatte. Insgesamt hatte ich etwas mehr als 800 € im Geldbeutel, als ich in die Untersuchungshaft eingeliefert wurde.

Aber damit konnten Sie im Gefängnis ja wohl nichts anfangen?
Ich habe in der Untersuchungshaft insgesamt etwa 600 € ausgegeben. Das gesamte Barvermögen wurde bei meiner Einlieferung auf ein Konto eingezahlt. Von diesem Konto wurden Abbuchungen vorgenommen, wenn ich Einkäufe getätigt habe. Da keiner der Gefangenen Bargeld hat, aber doch untereinander Geschäfte abgewickelt werden, gibt es Ersatzwährungen. Die Hauptwährung ist Tabak. Man kann diesen Tabak, wie auch Lebensmittel und sonstige Gegenstände, bei einem Edeka-Händler bestellen, der alle Gefängnisse beliefert. Diese Firma heißt Edeka-Massak. Es gibt Listen, die man als Gefangener erhält und auf denen man ankreuzen kann, was man kaufen möchte. Monatlich darf man höchstens 200 Euro ausgeben. In der Strafhaft sogar nur 50 Euro. Ich habe zunächst natürlich dafür gesorgt, dass ich „Bargeld“ in Form von Tabak, Feuerzeugen und Kaffee hatte. Das sind die drei Hauptwährungen in der Untersuchungshaft.

Was haben Sie denn damit bezahlt?
Hauptsächlich habe ich dafür meine Beschützer bezahlt.

Gibt es eine private Leibgarde in der Untersuchungshaft?
Schon bald nach meiner Einlieferung sagte ein Mitgefangener aus der Region, der mich vom Klinikum her kannte, weil seine Frau dort einmal untergebracht war, ich sollte mich schützen lassen. Dies sei unter anderem deshalb sehr sinnvoll, weil man sonst in Gefahr laufe, geschlagen oder sogar vergewaltigt zu werden.

Wie ist das in einem Gefängnis möglich?
Es gibt zwei Bereiche, die nicht von einer Kamera überwacht werden: Das sind die Duschen und die eigentlichen Zellen. Wenn man also zum Duschen geht, läuft man in Gefahr, dass dort etwas passiert. Mir hat zum Beispiel ein Mithäftling dringend geraten, nur zum Duschen zu gehen, wenn maximal eine andere Person dort sei. In meine Zelle sollte ich auch niemanden hereinlassen.

Wie ist es überhaupt möglich, dass jemand in Ihre Zelle kommt? Ist die nicht verschlossen?
In jedem Trakt werden täglich für 2 Stunden alle Zellen geöffnet. Man kann sich dann zwischen den Zellen frei bewegen und kommunizieren. Es gibt offensichtlich in jedem Gefängnis Schlägertypen, die es drauf anlegen, andere zu schlagen oder sexuelle Gewalt auszuüben. Mir ist nichts passiert, denn ich habe den Ratschlag des Mitgefangenen befolgt. Mein Ratgeber empfahl mir, beim Hofgang die Gruppen anzuschauen und mich dann für eine zu entscheiden. Ich konnte dann sehr bald feststellen, dass es Gruppen von Albanern, Polen, Russen, Italienern und Deutschnationalen gab. Bei Letzteren waren auch einige von der Reichsbürgerbewegung dabei.

Für welche Gruppe haben Sie sich dann entschieden?
Bei mir im Zellentrakt befand sich jemand aus Ingolstadt. Er saß wegen eines Drogendelikts in Untersuchungshaft. Im Gespräch stellten wir fest, dass wir einen gemeinschaftlichen Bekannten haben. Dieser Mitinsasse war Albaner und erschien mir vertrauenswürdig. Also habe ich mich der Gruppe der Albaner angeschlossen und wurde gut beschützt.

Und was war der Preis?
Ich habe in etwa an jedem zweiten Tag der Gruppe ein Päckchen Tabak im Wert von 4,50 Euro gegeben. Zu einem späteren Zeitpunkt auch Kaffee oder Feuerzeuge. Was man halt kaufen konnte.

Und wie wurde geschützt?
Beim Hofgang und bei den Zellenöffnungen hatte ich für alle sichtbar Anschluss bei dieser albanischen Gruppe gefunden. Das hat andere davon abgehalten, mir gegenüber zudringlich zu werden. Ich kann mich nur an eine Situation erinnern, wo ganz offensichtlich eingegriffen wurde. Ein Mitgefangener wollte mir recht aufdringlich Medikamente, vermutlich Beruhigungsmittel oder auch Aufputschmittel „andrehen“. Dazu muss man sagen, dass die Häftlinge sich beim Arzt Medikamente verschreiben lassen, aber nur einen Teil verwenden und mit dem Rest Handel betreiben. Ich wollte keine Medikamente haben. Als ich einmal gegenüber den Albanern erwähnte, dass mir einer immer Medikamente verkaufen möchte, wurde mir mitgeteilt, dass würde dieser Gefangene künftig unterlassen. Er kam auch nicht wieder, der „Anbieter“ grüßte mich danach aber sehr freundlich. Vorher hatte er mehrfach versucht, mir etwas aufzudrängen.

Und was haben Sie für den eigenen Verbrauch erworben?
Zunächst habe ich mir mal Zahnpasta und eine Bürste dazu gekauft. Man bekommt zwar als Erstausstattung beides. Die Bürste war aber nicht besonders widerstandsfähig und nach kurzer Zeit kaputt. Sehr nützlich war auch der Kauf eines Wasserkochers, der 50 € kostete. Damit konnte ich mir löslichen Kaffee und Tee machen. Als Gefangener bekommt man zwar morgens, mittags und abends warmes Wasser. Das ist aber nicht heiß genug, um damit guten Tee oder Kaffee aufzugießen. Bemerkenswert ist noch, dass der Wasserkocher, nachdem er vom Edeka-Händler geliefert wurde, zunächst abgenommen wird. Es werden dann offensichtlich zwei der vier Heizspiralen demontiert. Was der Zweck dieser Maßnahme ist, hat sich mir nicht vollständig erschlossen. Mitgefangene haben behauptet, damit solle verhindert werden, dass das Wasser wirklich koche und damit Unheil angerichtet werden könne. Nachdem aber letztendlich der Wasserkocher bei einer bestimmten Temperatur durch das Thermostat abgeschaltet wurde, nehme ich an, dass er schon die normale Betriebstemperatur erreicht hat. Es dauerte halt nur wesentlich länger als bei einem kompletten Kocher.

Kann man sich auch „Luxusgüter“ kaufen?
Ich habe mir beispielsweise Olivenöl, Salz und Essig gekauft, um Speisen zu verfeinern und überhaupt anzurichten. Man kann sich natürlich auch Tomaten kaufen. Gelegentlich habe ich auch zu Schokolade gegriffen. Pfeffer darf man übrigens nicht erwerben, weil wohl die Befürchtung besteht, man könnte einem Gefängniswärter den Pfeffer ins Gesicht blasen. Lebensmittel wurden auch nicht im Glas geliefert. Der Essig zum Beispiel befand sich in einer Plastikflasche.

Kann man sich auch Wein, Bier oder andere Genussmittel kaufen?
Man kann keinerlei alkoholische Getränke kaufen. Hier helfen sich aber findige Gefangene wie folgt: Sie kaufen sich Säfte und stellen diese hinter die Heizkörper, damit der Saft anfängt zu gären und Alkohol entsteht. Derartig privat erzeugter Alkohol wurde mir auch angeboten. Ich habe allerdings dankend abgelehnt. Dazu noch eine Anekdote: Ein anderer Mithäftling hatte einen Krankenhauskeim. Aus diesem Grunde wurde ihm Alkohol zu Desinfektion mit auf die Zelle gegeben. Es handelte sich natürlich um medizinischen Alkohol, der sich in einem größeren Gefäß befand. Dieses Gefäß hat er in einem Plastikbeutel verstaut und diesen auf der Innenseite der Zelle am Türknauf aufgehängt. Wenn die Zelle geöffnet wird, ist der Türknauf auf der Innenseite nicht sichtbar, weil die Tür zur Wand hin anschlägt. Kein Wärter hat jemals mitbekommen, dass er Alkohol in seiner Zelle hat. Andere Insassen haben dies aber schon erkannt. Sie wollten ihm dann den Alkohol abkaufen und ihn in irgendeiner Form konsumieren. Der Häftling war aber klug genug, sich darauf nicht einzulassen.

Haben Sie dann auch gekaufte Lebensmittel mit nach Hause genommen?
Es war so, dass ich am Dienstag noch mal eine komplette Lieferung bekam. Diese reichte normalerweise für 14 Tage. Ich wusste ja nicht, dass ich bereits am Freitag nach Erhalt meiner Lieferung entlassen werden würde. Einer meiner Ratgeber ermahnte mich kategorisch: keine Lebensmittel mitnehmen. Es gilt der Aberglaube, dass alles, was das Gefängnis verlässt, wieder zurück will. Es gilt also als schlechtes Omen, Lebensmittel mitzunehmen. Ich hielt mich an das „eiserne Gesetz“, dass alle Lebensmittel im Gefängnis verbleiben. Meine übrigen Restbestände übergab ich meinen albanischen Freunden. Auch aus Dankbarkeit!