Sieg des Panthers

Kluge bei Tourist Trophy 1938. Foto:Audi

Vor 80 Jahren gewann Ewald Kluge als erster Deutscher die Tourist Trophy.

Das schwerste und mörderischste Motorradrennen der Welt findet alljährlich auf der Isle auf Man – in der irischen See  gelegen – statt. Letztmals im Jahre 2001 gab es keinen tödlichen Unfall. In diesem Jahr starben zwei Motorradfahrer auf der legendären Rennstrecke. Vor 80 Jahren gewann Ewald Kluge als erster Deutscher und zweiter Nicht-Engländer überhaupt dieses Rennen. Es war ein Sieg für die Ewigkeit, wie eine Zeitung schrieb, denn Kluge siegte mit einem Vorsprung von 11 Minuten – ein kaum fassbarer Abstand zum Zweitplatzierten bei einem Motorradrennen.

1938 war das Jahr des Motorradrennfahrers Ewald Kluge. Er war damals 29 Jahre alt und wurde zur Legende. Als erster Deutscher gewann er auf einer DKW ULD 250 das schwerste Motorradrennen der Welt. Doch nicht nur das: Am Ende der Saison hatte er 12 von 14 Rennen gewonnen, die beiden anderen als Zweiter beendet. Er wurde Europameister, war also der beste Fahrer der Welt, da es damals keine Weltmeisterschaften gab und alle bedeutenden Rennen in Europa stattfanden. Auch die Titel des Deutschen Meisters (viermal in Folge) und des Deutschen Bergmeisters errang er in diesem Jahr. Da er alles gewonnen hatte, was zu gewinnen war, wurde er (offizieller Titel!) zum „Meister aller Meister“ gekürt. Im gleichen Jahr wurde Ewald Kluge auf eine 40-tägige Reise mit dem Schiff nach Australien geschickt. Als DKW-Botschafter trat er dort bei vier Rennen an, die er allesamt gewann.

Der erfolgreiche DKW-Rennfahrer wurde 1909 in Lausa (letzt: Weixdorf) bei Dresden geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, verlor früh seine Mutter. Als Taxifahrer in Dresden sparte sich der gelernte Mechaniker das Geld für die erste Rennmaschine vom Mund ab. Er versuchte sein Glück zunächst als Privatfahrer, wurde dann von der Auto Union 1934 als DKW-Geländewagen engagiert, bevor er 1936 Werksfahrer wurde. Damit begann seine sagenhafte Karriere. Sie wurde durch den Zweiten Weltkrieg jäh gestoppt. Ewald Kluge musste in russische Gefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte er der Auto Union nach Ingolstadt. Bereits im Jahre 1950 saß er wieder auf einer Rennmaschine seines Arbeitgebers, gewann sieben Rennen, darunter den Großen Preis von Deutschland. Weitere Rennsiege folgten, bevor Kluge, der in seiner Laufbahn nie verunglückt war, 1953 beim Eifelrennen auf dem Nürburgring an zweiter Stelle liegend schwer stürzte, als ihm seine DKW wegrutschte. Bei dem Unfall wurde ein Oberschenkel zerschmettert; fast ein Jahr musste Kluge im Krankenhaus bleiben. Der Fuß konnte zwar gerettet werden, mit der Rennkarriere des „Panthers“ war es aber vorbei. Den Spitznamen „Panther“ hatten ihm seine Bewunderer verliehen, weil er auf seinem Motorrad eine liegend-lauernde Position einnahm – elegant und völlig unverkrampft, wie Zeitzeugen berichten.

Bereits mit 55 Jahren verstarb Ewald Kluge am 19. August 1964 Ingolstadt. Sein Grab befindet sich auf dem Südfriedhof. Es ist bescheiden, wie Ewald Kluge zu Lebzeiten selbst immer war. In Berlin auf der Avus gibt es ein Motorradfahrer-Denkmal, auf dem er prominent verewigt ist. In Sachsen hat Kluge treue Freunde, die regelmäßig Gedächtnisrennen veranstalten. Besucht man bei Audi das Museum Mobile, so findet man einige Motorräder aus der Zeit, als Kluge seine Rennen fuhr. Er selbst ist auch – neben anderen berühmten Rennfahrern der Auto Union –  auf Wandtafeln zu sehen. Dabei wird auch vermerkt, dass er als erster Deutscher die Tourist Profi gewonnen hat. Laut Audi soll das allerdings 1937 gewesen sein, was definitiv nicht den Tatsachen entspricht. Eine „Ewald-Kluge-Straße“ gibt es in seinem Geburtsort und in Ingolstadt. Auf der Schanz handelt es sich um eine mickrige Sackgasse, an der lediglich zwei Hochhäuser stehen und die vor einem Tor, das zu einem Betriebsgelände führt, abrupt endet. „Ich schäme mich, Motorradfreunden, die aus der ganzen Welt nach Ingolstadt kommen, weil sie Ewald Kluge kennen, diese Straße zu zeigen“, sagt Peter Bachschuster, der Enkel Ewald Kluges. Zusammen mit Gertie Liedtke-Sandner, der Witwe des verstorbenen miba-Chefs Heiner Sandner, die im Bereich Marketing und Öffentlichkeitsarbeit über viel Erfahrung verfügt, will er die Erinnerung an seinen Großvater nicht nur wach halten, sondern auch in Ingolstadt dem Rennfahrer ein Denkmal setzen. Am liebsten wäre es ihm, das Berliner Denkmal nochmals in Eisen zu gießen und in Ingolstadt aufzustellen. Er war diesbezüglich bereits bei der Stadt vorstellig, stieß aber, wohl aus Kostengründen, auf taube Ohren. Bachschuster und Liedtke-Sandner könnten sich aber auch vorstellen, dass in Ingolstadt wieder Motorradrennen veranstaltet werden. Bereits Anfang des Jahrtausends gab es hier durchaus erfolgversprechende Versuche. Schön wäre es auch, so die beiden Kluge-Aktivisten, wenn der vorhandene Nachbau der legendären Maschine, mit der Ewald Kluge 1938 die Tourist Trophy gewann, in Ingolstadt ausgestellt würde. Hier sehen Sie den früheren Arbeitgeber als Ansprechpartner.

Peter Bachschuster und Gertie Liedtke-Sandner

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