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Spuren beseitigen bei Audi

Nein, nicht was Sie jetzt denken. Im Rahmen der Talk-Reihe „Audi.torium“ war mit Peter Anders ein echter Tatortreiniger zu Gast. Es sei „Putzen für die Seele“, was er da tue.

Jeder erinnert sich noch an den Amoklauf in München. Ein junger Mann erschießt an einem Freitag im Juli neun Menschen am Olympia Einkaufszentrum, die meisten Opfer gibt es in einer McDonalds Filiale. Am Samstag muss nun jemand diese Filiale – so profan es klingt – putzen, damit es so aussieht, als wäre nichts geschehen. Genau da kam der Tatortreiniger Peter Anders mit seinem Team ins Spiel. Auch davon berichtete er unter großem Zuschauerinteresse beim Audi.torium „Crime-frei“ im Audi Forum in Ingolstadt. Die Umstände dieses Auftrags waren außergewöhnlich: „Wir mussten all unsere Fahrzeuge abdecken, wurden von einer Polizeieskorte begleitet und mussten den McDonalds von hinten anfahren, damit die Öffentlichkeit das nicht mit kriegt.“ Dabei ist es eigentlich die Regel, dass er unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeitet. An Orten, an denen Menschen verstorben sind – auf natürliche, aber auch unnatürliche Weise.

Liza Kellner (Audi Kommunikation) mit Peter Anders

„Ich hoffe, dass jeder von ihnen den Tatortreiniger nicht brauchen wird,“ meinte Peter Anders gleich zu Beginn des Gesprächs mit Moderatorin Liza Kellner (Audi Kommunikation). Dann berichtete er von seinem Werdegang und wie er über den Beruf des Feuerwehrmannes und die Zusatzqualifizierung zum Desinfektor (der auch Schädlingsbekämpfer ist) zum Tatortreiniger wurde. Mit seiner Firma asdmünchen (ein echter Familienbetrieb, denn Ehefrau, Töchter und Schwiegersöhne arbeiten mit) ist er seit 15 Jahren im Raum München, aber auch in ganz Deutschland im Einsatz. An seinen ersten Fall erinnert er sich noch genau. Zum einen, weil er gerade als Tatortreiniger begonnen hatte und einfach nichts passiert war („Ich dachte, der Tod macht Urlaub“). Zum anderen, weil das, was dann doch passiert war, ihn und seine Mannschaft sofort an ihre Grenzen gebracht hatte. In einem historischen, bewohnten Stadttor in Greding hatte sich ein Mann erhängt: „Der ganze Straßenzug hat schon nach Verwesung gerochen. Der hing da schon fünf Wochen und tropfte da vor sich hin. Ich erkannte schnell, dass wir nicht gut aufgestellt sind.“ Der Einsatz wurde abgebrochen. Schließlich besann man sich auf alte Feuerwehrtugenden, stützte die Treppe ab, entfernte betroffene Bausubstanz und desinfizierte alles. „Ich hab eigentlich das denkmalgeschützte Gebäude zerstört,“ meinte Peter Anders, der keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen einem echten Tatortreiniger und dem „Schotty“ aus der Fernsehserie sieht.

Zwischen drei und vier Einsätze mit Leichen habe er pro Woche, daneben reinigt er aber auch Messie-Wohnungen und ist in der Schädlingsbekämpfung tätig. „Wir hören sofort an der Stimme des Anrufers, ob jemand ein Schädlingsproblem hat oder eine Leiche,“ erklärte Anders. Die Frage, warum er das tue, wird ihm immer wieder gestellt: „Ich sehe das nicht als Arbeit, das ist meine Berufung. Ich war schon mit Leidenschaft bei der Feuerwehr.“ Den Angehörigen, die sich in einer Extremsituation befinden, ein Stück Last abzunehmen, das sieht er als Hauptbeweggrund. „Wir putzen für die Seele.“ Manchmal erfolgt die Reinigung einer Wohnung sogar mit den Angehörigen zusammen. „Ich habe mit einer Mutter geputzt, deren Tochter in ihren Armen verstorben ist. Wir haben Hand in Hand geputzt, das war wichtig für sie. Das gehörte zur Trauerverarbeitung.“

Pietät und Einfühlungsvermögen seien in seinem Job eine Grundvoraussetzung. Doch die Helfer bekommen bei schwierigen Fällen auch selbst Hilfe, bekommen Supervision (z.B. nach dem Münchner Amklauf) und werden psychologisch betreut. Etwa als sie zehn Stunden in einer Wohnung verbrachten, in der ein junger Mann u.a. seiner Ex-Freundin den Kopf abgetrennt hatte. „Das belastet die Seele,“ meinte Peter Anders. Besonders belastend sei die Arbeit an Tatorten, an denen Kinder ums Leben kamen – so wie 2011 in Krailling. Zwei Mädchen (acht und elf Jahre) waren brutalst ermordet worden. Das sei grenzwertig gewesen, gab Peter Anders zu.

Im Audi Forum ging es schließlich auch um Selbstmorde in Autos („Wenn Sie bei der Firma Sixt einen VW Bus ausleihen könnte er auch schon einen Selbstmord erlebt haben“), Reinigungsmittel, die Bezahlung der Einsätze, dem Einfluss der Jahreszeiten („Im Herbst und an Weihnachten steigt die Selbstmordrate“), die Zunahme der Brutalität im Bereich häuslicher Gewalt und die körperlichen Belastungen, die in einem Schutzanzug bei sommerliche Hitze extrem ausfallen können. Und dann ist ja ja noch der Geruch. „Das Gute ist, dass unser Gehirn dumm ist,“ meinte der Tatortreiniger. Nach wenigen Minuten akzeptiere das Gehirn den Umgebungsgerüche und schalte auf null. So kam es schon vor, dass sein Team Brotzeit am Tatort machte: „Da kriegt doch der Begriff Leichenschmaus eine andere Bedeutung.“ Den Geruch, der er persönlich dafür absolut nicht aushalte, sei der, den das „Kaka“ seines Yorkshire Terriers verströme. Da wird im übel. Ein echtes Ekelerlebnis war für ihn außerdem ein „Urinbombenunfall“ bei der Reinigung einer Messie-Wohnung. Dort ergossen sich unzählige mit altem Urin gefüllte Plastikflaschen („Das ist typisch für jede Messie-Wohnung“) über ihm, als diese aus der Wohnung gehievt wurden. Das benachbarte italienische Lokal musste danach zwei Stunden gereinigt werden: „An dem Tag war das nicht lustig. Aber jetzt kann ich drüber lachen.“ Er lebe zu 120 Prozent sein Tatortreinigerleben, betonte Peter Anders: „Es gibt einfach Situationen, in denen ihr uns braucht!“

Übrigens: An diesem grauen Novembertag, an dem Peter Anders am Abend in Ingolstadt von seiner Arbeit berichtete, wurde seine Firma tagsüber zu zwei Selbstmorden gerufen.

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