Streich ohne Genie

König Peter vom Reiche Popo (Matthias Zajgier) und sein Staatsratspräsident (Marc Simon Delfs). Im Hintergrund: Die Gouvernante (Sarah Horak), Prinz Leonce (Enrico Spohn), Prinzessin Lena vom Reiche Pipi (Mira Fajfer) und Valerio (Péter Polgár); Foto Klenk

(hk) Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena als wutbürgerlicher Klassenkampf – Kurzkritik eines ungebildeten Zuschauers

Wir leben in Zeiten, in denen es angebracht ist, die Gesellschaft aufzurütteln, auf grobe Missstände hinzuweisen. Nur: Muss man dazu Georg Büchners Lustspiel Leonce und Lena opfern? Christoph Mehler hat es mit seiner Inszenierung am Ingolstädter Stadttheater, Premiere war am Samstag, gemacht.

Erich Kästner zählte Büchners Werk zu den sechs wichtigsten klassischen Komödien deutscher Sprache. Dann darf es der ungebildete Zuschauer, der weder Germanistik noch Soziologie oder Sozialpsychologie studiert hat, auch heute noch wagen, sich mit der Erwartung in den Theatersessel fallen zu lassen, es werde (zumindest auch) gute Unterhaltung geboten. Natürlich ist Büchners sozialrevolutionäre Grundhaltung nicht unbekannt. Und einer Komödie ist Gesellschaftskritik, je beißender um so besser, nicht fremd. Aber: Beim Lustspiel erwartet der Zuschauer kurzweilige, treffende Hiebe mit dem Florett. Mehler schlägt aber in seiner Inszenierung mit schwerem Säbel und pädagogischer Keule zu. Auf der Bühne herrscht Langatmigkeit, manches scheint in Zeitlupe abzulaufen. Eine Fluchtmöglichkeit gibt es nicht, denn auf eine Pause wird verzichtet. Dieser Verzicht ist oft angebracht, um den Spannungsbogen eines Stückes nicht zu zerstören. Doch Spannung fehlt in dieser Inszenierung. Am Schluss – nach mehr als zwei Stunden Rätselraten – dann die Antwort auf die Frage, was denn der Regisseur sagen wollte: Es wird ein langer Auszug aus dem „Hessischen Landboten“ von einem der griechischen Tragödie entlehnten Chor wutbürgerlich ins Publikum gebrüllt. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ lautet die Parole. Sicher, auch dieser Text stammt von Georg Büchner – aber nicht aus Leonce und Lena.  Sein Lustspiel endet mit anderen Worten: „Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüthe und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr giebt und die uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdesllliren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken.“ Es ist eben eine romantische Komödie.

Um das Publikum aufzurütteln und auf Missstände hinzuweisen, hätte das Stadttheater im Bücherregal zu Bertolt Brecht greifen können. Dessen Stücke eignen sich dazu wohl besser. Büchner hat sich bei Leonce und Lena entschieden, obgleich er ein Sozialrevolutionär war, keinen Aufruf zum (Klassen-)Kampf zu schreiben, sondern eine gesellschaftskritische, romantische Komödie. Klassenkämpferisch äußert sich der Autor im „Hessischen Landboten“. Das will Mehler nicht akzeptieren und beweist, dass Büchners Lustspiel nicht unverwüstlich/unverwüstbar ist. Mehler lockt mit einer Komödie, bietet aber, von aufgesetztem Klamauk einmal abgesehen (bei dem nur die kollegialen Profis im Zuschauerraum anstandshalber lachten) keine Unterhaltung. Er spielt dem ahnungslosen Theatergänger einen Streich – leider ohne Genie.

Kurz zu den Darstellern: Matthias Zajgier verkörpert im Kostüm eines Michelin-Männchens den dekadenten, aber irgendwie bauernschlauen König Peter vom Reiche Popo, der sich am Ende mit seinem Präsidenten des Staatsrats (Marc Simon Delfs) aufs erotische Altenteil zurückzieht. Mira Fajfer (Prinzessin vom Reiche Pipi) gibt die Inszenierung zu wenig Gelegenheit, ihr schauspielerisches Potenzial auszuspielen. Sarah Horak greift als Gouvernante gekonnt in die Klamottenkiste. Péter Polgár überzeugt als Valerio (und Rosetta). Im Mittelpunkt des Geschehens steht Enrico Spohn als Prinz Leonce. Vom lebensmüden, gelangweilten Prinzen zum staatstragenden König, der dann sofort die Devise seines Vaters („Ich muss für mein Volk denken!“) übernimmt, mutierend, zieht er alle Register seiner Darstellungskunst.

Zum Schluss: Es lohnt sich durchaus, diese sozialkritische Inszenierung anzusehen. Man darf halt nur keine unterhaltende Komödie erwarten und muss Sitzfleisch mitbringen. Und man erfährt bei dieser Gelegenheit, wie groß doch die Bühne des Stadttheaters ist. Kulissen verstellen nämlich nicht den Blick.