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Unbekannt und unverbraucht

Hat Christian Scharpf (SPD) Chancen, Oberbürgermeister von Ingolstadt zu werden?

Freude über eine einstimmige Nominierung. Christian Scharpf zwischen Veronika Peters und Ehefrau Steffi (Foto: hk)
Die Scharpfs – eine bayerische Familie.
Christian Scharpf zu Zeiten des Zivildienstes im Heilig-Geist-Spital (Foto: oh)

Die Ingolstädter Sozialdemokraten haben ihn einstimmig als ihren Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters nominiert: Dr. Christian Scharpf. Doch welche Chancen hat der promovierte Jurist, der in Ingolstadt noch weitgehend unbekannt ist und ausgerechnet für jene Partei kandidiert, deren Wahlergebnisse immer schlechter werden?

Einen Vorteil bringt der Kandidat allerdings mit: Er steht außerhalb des Beziehungsgeflechts der Ingolstädter Kommunalpolitik (die derzeit im Prozess gegen Alt-Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) eine strafrechtliche Würdigung erfährt) , hat nach eigenen Worten mit niemanden eine Rechnung offen und ist unverbraucht.

Aber ist es nicht ein hoffnungsloses Unterfangen, als Kandidat der SPD, die in Bayern landesweit gerade einmal auf 10 Prozent kommt, sich um das Amt des Oberbürgermeisters in Ingolstadt zu bewerben? Ein Blick nach Landshut dürfte den Genossen Mut machen: Dort erhielt die FDP bei den Kommunalwahlen im Jahre 2014 gerade einmal 2,9 Prozent der Wählerstimmen. Sie errang damit gerade eines von 44 Stadtratsmandaten. Und doch: Im Jahre 2016 musste in Landshut der Oberbürgermeister neu gewählt werden. Und es war der Kandidat der FDP (Alexander Putz) der die Stichwahl gegen den CSU-Kandidaten gewann. Auf kommunaler Ebene kommt es eben mehr auf die Persönlichkeit und weniger auf die Partei an. Darauf hofft Christian Scharpf in Ingolstadt.

Dass er über eine hervorragende Qualifikation verfügt und sehr gut für das Amt des Oberbürgermeisters geeignet wäre, daran dürften auch die größten Kritiker in den Reihen der anderen Parteien keinen Zweifel haben. Scharpf ist Stadtdirektor im Direktorium der Landeshauptstadt München. Er war mehrere Jahre persönlicher Mitarbeiter des langjährigen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude und begann seine Karriere bei der Landeshauptstadt München in der Rechtsabteilung. In diesen Funktionen hat er in 15 Jahren an unzähligen Stadtratssitzungen teilgenommen und kennt Kommunalpolitik mit allen ihren Finessen und Fallstricken.

Scharpf lebt mit seiner Familie (verheiratet ist er mit einer Ingolstädterin aus alteingesessener Familie und hat drei Kinder) in Ingolstadt und München. Er wurde zwar ein Kösching geboren, weil der damalige Frauenarzt seiner Mutter dort Beleg-Betten im Krankenhaus hatte. Doch aufgewachsen ist er auf der Schanz (nach einer Zwischenstation in Gaimersheim). Hier hat er auch an der Ickstatt-Realschule die mittlere Reife absolviert. Dann lernte er Bankkaufmann, holte das Abitur nach, absolvierte seinen Zivildienst im Heilig-Geist-Spital und studierte Jura. Als Jurist promovierte er über städtische Tochtergesellschaften. Davon gibt es übrigens in Ingolstadt mehr als 50.

Auch während seiner Berufstätigkeit in München hat er den Kontakt zu Ingolstadt nie verloren. Er hat im Münster geheiratet und die Wochenenden auf der Schanz verbracht. Mittlerweile hat er wieder seinen Wohnsitz in seiner Heimatstadt. Der Spitzenjurist bezeichnet sich selbst als “königlich-bayerischer Sozialdemokrat”, ist durchaus volkstümlich, spielt Klarinette in einem Blasorchester und demonstriert optisch, dass ihm ein Schweinsbraten und eine Halbe Bier gut schmecken.

Was aber will Scharpf in Ingolstadt anders machen als der bisherige Amtsinhaber Christian Lösel? In seiner Bewerbungsrede vor den Delegierten der SPD hat er ein 11-Punkte-Programm präsentiert. Das wichtigste daraus:

Das Heilig-Geist-Spital, in dem er seinen Zivildienst abgeleistet hat, liegt ihm besonders am Herzen. Scharpf möchte, dass die Heilig-Geist-Stiftung gerettet wird und die Senioren nicht aus der Altstadt verbannt werden.

Der OB-Kandidat meint ferner, die CSU habe in der Verkehrspolitik in den letzten Jahren nicht immer ein glückliches Händchen gehabt. Besonders unbefriedigend ist für ihn die Situation bei der Glacisbrücke mit der Westlichen Ringstraße. Die Untertunnelung der Westlichen Ringstraße und der Glacisbrücke, einen Vorschlag, den die CSU jüngst ins Spiel brachte, hält er für eine Schnapsidee. Eine vierte Donauquerung, die mit einem Eingriff in den geschützten Auwald verbunden wäre, lehnt er ab. Stattdessen wünscht er sich eine stärkere Förderung des Öffentlichen Personennahverkehrs. Dazu gehört für ihn eine dichtere Taktung des Busverkehrs, verbunden mit einer Ausschöpfung der Potenziale für Busbeschleunigung. Eine Seilbahn von südlich der Donau über Klinikum und Westpark zum Audi Werk kann er sich vorstellen. Fahrradschnellwege und Fahrradvorrangrouten müssen nach seiner Auffassung konsequent umgesetzt werden.

Den hohen Mieten in Ingolstadt (sie sind seit 2005 um 50 % gestiegen) möchte er unter anderem mit genossenschaftlichen Wohnungsbau und Baugemeinschaften entgegentreten. Durch Ausweisung weiterer Bauplätze soll der Wohnungsbau gefördert werden. Dies dürfe aber nicht nur im Luxussegment geschehen. Die Investoren müssten angehalten werden, auch bezahlbaren Wohnraum zu bauen.

Das Stadttheater, wo er seine ersten Kinder-Faschingsbälle als kleiner Junge erlebt hat, ist für ihn keine abgehobene elitäre Einrichtung, vielmehr ein Bürgertheater. Hier zitierte er in seiner Bewerbungsrede gar Alt-Oberbürgermeister und Ehrenbürger Peter Schnell (CSU), der die Sanierung des Stadttheaters dringend anmahnt. Insbesondere, weil sich der Freistaat Bayern mit 75 Prozent  an den Kosten der Sanierung des Stadttheaters und der Schaffung eines neuen “Kleinen Hauses” (Kammerspiele) beteiligt, tritt er dafür ein, die Kammerspiele in Angriff zu nehmen, statt sie weiter zu verschleppen.

Nicht zuletzt ist es für ihn wichtig, dass die Bürger wissen, was die einzelnen Stadträte, die sie gewählt haben, im Stadtrat beschließen und sagen. Deshalb plädiert er für Wortprotokolle der Stadtratssitzungen, die auch ins Internet zu stellen wären. Dann könne jeder Bürger sehen, was im Stadtrat gesprochen werde, auch wenn er keine Zeit habe, an den Stadtratssitzungen teilzunehmen oder sich eine Video-Live-Übertragung anzuschauen.

Wichtig ist Scharpf, dass die Stadt nicht als Wirtschaftskonzern geführt wird, sondern sich als Gemeinwesen für die Bürgerinnen und Bürger versteht.

Das politische Credo des Sozialdemokraten macht ihn zweifellos auch für bürgerliche Kreise wählbar. Die Frage ist, gelingt es ihm, sich bis zur Kommunalwahl im März 2020 wirklich bekanntzumachen. Und um noch einmal nach Landshut zu blicken: Dort konnte sich der FDP-Kandidat gegen den CSU-Mann leichter durchsetzen, weil der eigentliche Amtsinhaber nicht mehr angetreten war. In Ingolstadt aber wird sich Christian Lösel  wieder den Wählern stellen. Und da ist es für einen Herausforderer wesentlich schwieriger, die Wahl zu gewinnen. Aber nicht unmöglich.

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