Vom Klinikum in Untersuchungshaft

(hk) Am 22. August erscheint das Buch Endstation Baggersee – Vom Klinikum-Pressesprecher zum Untersuchungshäftling.  Joschi Haunsperger berichtet darin im Interview mit Hermann Käbisch über seine Erlebnisse in der JVA Gablingen, wo auch Rupert Stadler untergebracht wurde. Hieraus eine Leseprobe.

Vorbemerkung: Viele meinen, Untersuchungshaft sei eine Art “Wohnzimmer mit Gittern”. Es gehe da recht human zu, denn die Untersuchungshäftlinge sind ja nicht rechtskräftig verurteilt. Da gilt ja noch die Unschuldsvermutung. Juristisch betrachtet sitzen also Personen, deren Unschuld vermutet wird, in Untersuchungshaft. Doch davon ist bei der Behandlung der Untersuchungshäftlinge nichts zu spüren.  Joschi Haunsperger, der frühere Pressesprecher des Klinikum Ingolstadt, war  12 Wochen in Gablingen inhaftiert. Er hat darüber ein Buch geschrieben. Es ist ab 22. August im Ingolstädter Buchhandel für 9,90 Euro erhältlich. Hier der Auszug:

Angst und Schamhaare

Herr Haunsperger, wie gestaltete sich die Überstellung nach Gablingen?

Ich wurde mit einem Zivilfahrzeug der Polizei überstellt. Die Fahrt von Ingolstadt nach Gablingen bei Augsburg dauerte ungefähr eine Stunde. Wir fuhren zunächst auf der Autobahn Richtung Langenbruck, wo wir dann auf die Bundesstraße B 300 abbogen. Auf der Autobahn fiel den mich begleitenden Polizisten auf, dass vor uns ein anderer Autofahrer in Schlangenlinien fuhr. Einer der Polizisten meinte: „Den müssten wir eigentlich aufhalten.“ Doch sein Kollege erwiderte: „Wir haben eine Personenüberstellung nach Gablingen; da geht das nicht.“ Die Information wurde aber an die Zentrale weitergegeben, so dass ich mit meiner Anwesenheit im Polizeifahrzeug den betroffenen Fahrer wohl nicht „retten“ konnte.

Die Justizvollzugsanstalt Gablingen kann man schon von weitem sehen. Sie ist von vielen freien Flächen umgeben, aus denen die hohen Mauern mit dem Stacheldraht obendrauf herausragen. Für mich war das ein richtig bedrohlicher Anblick.

Ein beklemmendes Gefühl?

Das kann man wohl sagen! Überdies las ich noch ein Schild, auf dem das Wort „Schusswaffengebrauch“ zu sehen war. Das war kein Spaß. Für den Schusswaffengebrauch in der JVA sind aber offensichtlich nicht die Polizisten zuständig, die die Gefangenen begleiten. Zu meiner großen Überraschung mussten die nämlich, als wir in die JVA hineinfuhren, selbst ihre Schusswaffen samt Ersatzmagazin abgeben: Man fährt zunächst mit dem Polizeifahrzeug in eine Art Schleuse, die von zwei Türen begrenzt wird. Als beide Türen geschlossen waren, stieg einer der beiden Polizisten aus und begab sich zu einem Spind, wo er die beiden Schusswaffen samt Ersatzmagazin deponieren musste. Erst dann durften wir die Schleuse verlassen und gelangten in einen Innenhof. Der ist ziemlich groß, so dass dort Begleitfahrzeuge und Lastkraftwägen abgestellt werden können. Dort werden auch die Produkte, die von Häftlingen hergestellt werden, auf die Transporter verladen. Ich habe gehört, dass zum Beispiel Gardena in Gablingen fertigen lässt, und für McDonald‘s die professionellen Kaffeemaschinen in der JVA zusammengebaut werden. Von diesem Hof gelangt man in einen weiteren Innenhof. Auch dieser Innenhof ist mit einem Tor verschlossen, das von innen ohne Mitwirkung der begleitenden Polizisten geöffnet wurde. Hier verabschieden sich dann die für die Überführung zuständigen Beamten. Einer wünschte mir alles Gute.

Dort wurden Sie also an die Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt übergeben?

Ja, die kommen in diesen Hof und übernehmen die Gefangenen. Sie brachten mich dann in einen Sammelraum. Von dort gelangt man schließlich in einen „Aufnahme-Raum“. Hier befindet sich eine Art Tresen, auf den man alles, was man bei sich hat, hinlegen muss. Also Geldbeutel, Schlüssel oder auch das Handy. Mein Handy war mir allerdings schon einen Tag vorher bei der Hausdurchsuchung abgenommen worden. In diesem Raum muss man sich dann komplett ausziehen. Das habe ich als sehr entwürdigend empfunden. Dies ging mir nicht alleine so. Auch andere – prominente – Untersuchungshäftlinge, die über diesen Vorgang Bücher geschrieben haben, schildern diese Situation ähnlich. Man erhält dann zwei Beutel Duschgel und ein Handtuch und muss einen langen Gang entlang gehen, wo sich unter anderem zwei Duschen befinden. Das sind zwei Duschköpfe an der Decke, von denen das Wasser über den Körper nach unten und dann durch ein Gitter im Boden abläuft. Das hat nichts mit einer komfortablen Dusche in einem Bad zu tun, erinnert eher an die Atmosphäre in einem Schlachthof. Nach dem Duschen erhält man dann das Wäschepaket. In dem Raum, in dem die Wäsche zugeteilt wird, muss man sich auch ankleiden.

Bekommt man dann Häftlingskleidung?

Ja, ab jetzt trägt man Häftlingskleidung. Man kleidet sich im Stehen an, ohne sich irgendwo anhalten zu können. Es kostet eine gewisse Überwindung, weil man weiß, dass das gebrauchte Wäsche ist, die andere schon getragen haben. Natürlich ist die Wäsche frisch gewaschen. Aber ich habe nicht nur einmal in der Wäsche Schamhaare, Brandlöcher, Blut- und andere Flecken festgestellt. Dies trifft übrigens auch auf die Bettwäsche zu. Bei der Bettwäsche habe ich einmal reklamiert, dass diese völlig zerrissen war. Erst am nächsten Tag habe ich dann neue Wäsche bekommen.

Erhielten Sie normale Betttücher, die man zerreißen und sich damit selbst umbringen könnte?

Richtig, man erhält ganz normale Betttücher. Gefangene reden auch darüber, dass man diese zerreißen und daraus einen Strick zum Aufhängen fertigen könnte. Viel größer war allerdings meine Überraschung, dass ich hier einen Gürtel bekam. In Ingolstadt war mir mein Gürtel über Nacht abgenommen worden. Ich war dann lange der Auffassung, dass dieser Gürtel mit Sicherheit eine Art „Sollbruchstelle“ haben müsse, damit man sich nicht strangulieren könne. Leider ist dem nicht so. Ein prominenter Häftling aus Ingolstadt hat sich ungefähr ein halbes Jahr nach meiner Entlassung mit seinem Gürtel am Zellenknauf aufgehängt. Mir wurde auch erzählt, dass ein anderer Häftling den Spiegel über dem Waschbecken zerschlagen habe, um sich mit den Scherben selbst zu verletzen. Er überlebte aber. Auch die Schuhbänder, die man erhält, sind meines Erachtens nicht ganz unproblematisch. Echt witzig fand ich die Frage, die mir beim Abschluss der Eingangsuntersuchung gestellt wurde. Die Ärztin meinte: „Eine letzte Frage habe ich noch. Haben Sie vor, sich umzubringen?“ Natürlich habe ich diese Frage verneint. Ich fand sie eher albern. Wer so etwas vor hat, wird es nicht ankündigen. Es ist ja nicht unbekannt, dass Suizidgefährdete in eine 3-Mann-Zelle gebracht werden, um dem entgegenzuwirken. Fast alle Gefangenen möchten aber eine eigene Zelle haben. Aber die Frau, die die Eingangsuntersuchung vornahm, musste diese Frage stellen, wie sie fast entschuldigend hinzufügte.

Sie wurden also auch medizinisch untersucht?

Ja, nachdem ich mich angekleidet hatte, wurde ich wieder durch einen Gang zum Untersuchungsbereich geführt. Diese Gänge sind sehr verwirrend. Das habe ich auch einmal einer Wärterin gesagt. Sie meinte, das sei durchaus gewollt. Wenn die Gefangenen hier keinen Überblick haben, ist es auch schwierig, Ausbruchspläne zu schmieden. Bei der Eingangsuntersuchung wurde ich gewogen, gemessen und es wurde mir Blut entnommen. Schließlich wurde später auch noch meine Lunge geröntgt.

Wurden Sie gefragt, ob Sie Medikamente nehmen?

Ja, aber ich nehme ja normalerweise keine. Allerdings hatte ich tierisches Kopfweh und bat um eine Schmerztablette. Da meinte die mich untersuchende Dame: „Schmerztabletten gibt es keine, aber ich kann Ihnen ein Zäpfchen geben.“ Als ich darauf dankend verzichten wollte, erwiderte sie, sie mache eine Ausnahme. Dann gab sie mir eine Schmerztablette, die ich aber in ihrer Anwesenheit sofort nehmen musste. Später habe ich erfahren, dass die unter Schmerzen leidenden Mitgefangenen die Zäpfchen auch nicht nehmen, sie lutschen sie zum Teil im Mund, was offensichtlich einen ganz bitteren Geschmack verursacht.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch folgende Geschichte erzählen: Nach der Untersuchung musste ich zunächst wieder vor dem Untersuchungsraum in einem Sammelraum warten. Dieser befand sich unmittelbar neben dem ärztlichen Untersuchungsraum und über die zum Hof hin geöffneten Fenster beider Räume konnte man etwas hören. So vernahm ich, wie die Frau einen Gefangenen fragte, was er beruflich mache. Als er mitteilte, dass er im Klinikum Ingolstadt gearbeitet habe, erzählte sie ihm, dass gerade jemand anderer, da gewesen sei, der auch dort gearbeitet habe. Dann muss sie in die Unterlagen geschaut und festgestellt haben, dass zwischen ihren beiden „Patienten“ ein Kontaktverbot bestand. Plötzlich wurden nämlich die Fenster geschlossen und ich konnte nichts mehr hören. Ich wusste aber, dass jetzt Heribert Fastenmeier bei ihr im Raum war. Den hatte ich ohnehin vorher schon bemerkt, als er mit einem Auto mit Ingolstädter Kennzeichen hereingefahren wurde und im Hof ausstieg. Dies konnte ich von einem Warteraum aus beobachten. Ich war überrascht, dass er in die gleiche Justizvollzugsanstalt kommt, da immer behauptet worden war, wir würden getrennt untergebracht. Schließlich hatte man uns ja verhaftet, weil wir uns getroffen hatten.

Waren damit die Empfangsmodalitäten beendet?

Ja. Ich wurde dann in die sogenannte Eingangszelle verbracht. Ich war an diesem Tag und auch noch später völlig desorientiert. Man muss sich vorstellen, dass man in der Eingangszelle ja weder Fernseher, Radio noch eine Uhr hat. Selbst die Tageszeit kann man nur ungefähr erahnen, weil in diesem Zellenbereich die Fenster mit Milchglasfolie verklebt sind. Natürlich kann man auch nicht einfach einen Wärter fragen, wie spät es ist. Ich habe das am Anfang gemacht, aber selten eine Antwort erhalten.

Was waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie eine Zelle in Gablingen betreten haben?

Ich kann mich noch an den Notknopf erinnern, der mir gezeigt wurde. Dabei wurde deutlich gemacht, dass man diesen nur in wirklich dringenden Fällen benutzen dürfe. „Wenn Sie Durst haben, dürfen Sie nicht drücken“. Da solle man notfalls Wasser aus dem Wasserhahn trinken, wurde mir klargemacht. Gut erinnern kann ich mich noch, dass ich nach der ersten Nacht am Sonntag früh einen „Anschiss“ vom Wärter bekam. Er hatte festgestellt, dass der Türspion, also die kleine Öffnung, die von der Zelle nach draußen führt und verglast ist, bei mir verschmiert war, so dass man nicht durchschauen konnte. Ich wurde lautstark angefahren, ich dürfe nicht den Türspion verkleben. Dabei hatte ich gar nichts gemacht. Es war offensichtlich einer meiner Vorgänger, der ihn mit einer weißen Paste, vermutlich Zahnpasta, verschmiert hatte. Das nützte mir aber nichts. Unmissverständlich wurde ich aufgefordert, den Türspion zu reinigen. Mit Klopapier und Leitungswasser rückte ich dem Schmutz zu Leibe.

Der Tag begann übrigens um 5:45 Uhr mit der Weckdurchsage. „Guten Morgen Gefangene. In 15 Minuten wird heißes Wasser ausgegeben. Bitte halten Sie sich in sorgfältiger Häftlingskleidung bereit.“ Manchmal erfolgt noch der Hinweis, dass man nicht in Unterhose oder Unterhemd vor die Zelle treten dürfe, um das Wasser in Empfang zu nehmen. Aufgrund der Weckdurchsage wusste ich, dass die Nacht vorbei war. Mir war angst und bange, wie es weitergehen würde.

 

Wer sich für das Buch interessiert. Hier das Inhaltsverzeichnis:

Inhalt

Haft ohne Urteil 7

Endstation Baggersee 10

Käsebrot und Kassenzettel 18

Eine verlassene Wohnung 24

Angst und Schamhaare 32

Neun Quadratmeter für 12 Wochen 40

Wasser, Brot und Feile 48

Schutzgeld 60

Ritter-Sport und „taz“ 68

Zuhälter und Politiker 76

Rechts-Beistände? 82

Wirtschaftlicher Ruin 92

Zwischen Haft- und Strafbefehl 98