Wie die Sittenwächter Ingolstadt landesweit lächerlich machten

Sittenwächter in Ingolstadt – Simplicissimus

Eine “Familienbad – Tragikomödie” sorgte dafür, dass Ingolstadt landesweit in die Schlagzeilen kam. Die Zeitschrift Simplicissimus präsentierte als Karikatur “Das Ingolstädter Astloch-Plakat”. Eine Geschichte von Gerd Treffer.
1930 war für Ingolstadt ein schwieriges Jahr, eine Zeit von Skandalen
etwa um die städtische Verkehrsgesellschaft, was einen Stadtreferenten
vor Gericht brachte und ihn das Amt kostete, ein Jahr, in dem nach 10
Amtsjahren der Oberbürgermeister vom Stadtrat geschasst wurde, das
Jahr, in dem sich die Mitglieder des Stadtrats gegenseitig mit Strafanzeigen
und Beleidigungsklagen überzogen. Bei den Kommunalwahlen im Vorjahr hatte sich die konservativ-katholische Mehrheit dadurch quasi selbst zerlegt, indem sich die die Stadt tragende Bayerische Volkspartei zerstritten hatte (ein Spielchen beleidigter alter Männer, bei denen sich jeder bedeutender und wichtiger fand als alle anderen) und in der bürgerlichen Mitte drei Parteien zur Wahl standen – die alte BVP, das abgespaltene katholische Kasino und zu allem Überdruss noch eine vom Unternehmer Peters gestellte Wirtschaftspartei. Das Kasino unter August Bonschab errang 10 Mandate (von 30 Stadtratssitzen), die BVP war mit fünf arg geschrumpft, die Wirtschaftspartei hatte zwei Sitze im Rat. Ganz rechts hatten sich die Nationalsozialisten breit gemacht und kultivierten mit ihrer neugeschaffenen Zeitung, dem Donauboten, einen flegelhaften, großmäuligen Angriff auf alles Andersdenkende.

Nun herrschte Eisesstille zwischen Kasino und BVP (den verfeindeten
Brüdern aus dem selben Stall), und Kasino-Führer Bonschab liebäugelte
damit, sich mit Hilfe der Nationalsozialisten zum Ersten Bürgermeister
wählen zu lassen – im Stadtrat herrschte eine zwar nicht unübersichtliche,
aber aggressive und ranküne-suchende Atmosphäre, die den
Wunsch zur Zusammenarbeit als weidlich unrealistisch erscheinen ließ
und die von dem Willen geprägt war, allen Anderen nach besten Kräften
zu schaden. (Eine kalkulierbare Größe stellten allein die Sozialdemokraten
unter Stobl dar – plus der vereinsamte Kommunist Haas -, aber dem
kernigen und aufrechten Partei- und Fraktionsführer der SPD war viel
nachzusagen, persönlicher Mut etwa, inhaltliche Berechenbarkeit, aber
sicherlich nicht Milde und Toleranz, sondern Streit- und Rauflust, die ihn
nach einer Stadtratssitzung auf die Zuschauertribüne im Alten Rathaus
hinauf trieb, wo es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit NS-Sympathisanten kam).

Kurz, 1930 war alles recht, was zu Streit und Hader, zu Konfrontation
und Konflikt im politischen Raum führen mochte, und so war das Thema
„Familienbad“ geeignet, dem politischen Gegner zu zeigen, wo der Bartl
den Most holt.

Den Streit bricht das katholische Kasino vom Zaun, und August Bonschab
ist sein Propagandist. Das populistische Petitum ist streng Ingolstädtisch
– innenpolitisch gedacht: Das katholische Fußvolk soll wissen,
wo in Ingolstadt Sitte und Moral verankert sind, wer das (letzte) Bollwerk
gegen moralische Verkommenheit bildet.

Ingolstadt hatte, wie damals die Münchner Nachrichten schrieben, in den
alten Festungswällen ein „Musterbad“ ein modernes Volksbad errichtet.
Zweifellos waren die Ingolstädter, so das Münchner Blatt, stolz auf diese
vorbildliche Errungenschaft.

Handstreichartig beantragten die Kasino-Stadträte, die Nutzungsordnung
für besagtes Bad so zu gestalten, dass Männer und Frauen zu unterschiedlichen Zeiten eingelassen würden. Also Frauen von 14–17.30 Uhr
(Knäblein bis 6 Jahren können sie mitbringen). Männer haben Badezeit
davor und danach. Mit denkbar knapper Mehrheit findet dieser Antrag Zustimmung – das katholische Kasino hat ihn gestellt; der Vorsitzende (des Kasinos und) des Stadtrats, Ponschab plus die zwei berufsmäßigen Stadträte können gar nicht anders als zustimmen. Die BVP würde liebend gern den (abtrünnigen) und nun prokuratorisch den Stadtrat führenden „Zweiten Bürgermeister“ auflaufen lassen – in Sachen Verteidigung der (Sexual-)
Moral (und Bade-Gewohnheiten) kann man sich aber nicht gut vom Kasino
übertrumpfen lassen, also stimmt man zu.

Die Nationalsozialisten reiben sich die Hände – das ist die Gelegenheit,
schlechthin gegen die verklemmte Moral der Klerikalen zu Felde zu ziehen.
Lust am Streit überhaupt paart sich hier mit der Überzeugung, dass
(1930) die Leute (die Wähler) es satt haben, belehrt zu werden, was sündig
und verkommen ist.

Zudem haben die konservativen Antragsteller im Stadtrat den (kommunikativen Kardinal-) Fehler begangen, eine „undefinierte Menge“ zu beschuldigen. Das Ingolstädter Familienbad sei kein Bad für (ehrenwerte)
Familienverbände, sondern ein Ort für „beliebige Individuen.“
Das ist ein kommunikativer Super-Gau. Es stempelt ab. Diese Stimmung
schwingt mit, wenn die Münchner Neuesten Nachrichten fragen: „Wer
waren diese beliebigen Individuen? Nun, das waren Leute aus angesehenen
Ingolstädter Familien, die schon einmal über die Kirchtürme der
Liebfrauenkirche in die Welt hineingesehen haben, Turner und Sportler,
mit deren Leistungen man sich gerne rühmte und die der Stadt Anerkennung
und Erfolg gebracht haben, Schülerinnen und Schüler, die nach fünf
Stunden Unterricht gern im Wasser herumtollen, Ladnerinnen, die bis
sieben Uhr hinter der Theke waren u.a. Nun war man mit Recht erstaunt
und entrüstet, plötzlich ohne sich einer Schuld bewusst zu sein, öffentlich
als beliebiges Individuum angeprangert und angepöbelt zu werden, als
minderwertig zu erscheinen, weil ein paar Sittlichkeitswächter Anstoß
nahmen. Die Pioniere in Ingolstadt liegen den Herren offenbar zu sehr im
Magen.“

Die Hauptstadtpresse, voran die Münchner Neuesten Nachrichten, spöttelt:
Da habe Ingolstadt mit einem „neuzeitlichen Familienbad in den ehemaligen
Festungsanlagen… eine Musteranlage“ geschaffen, dann aber sei es
weitergegangen wie in einem „Hintertreppenroman“ – Baden im städtischen
Familienbad sei nun eine „liederliche Mode (und) … eine anstößige
und anrüchige Sache geworden.“ Die Münchner Zeitung mokiert sich
über die Sprüche von „sittlicher Verwilderung“ und „Schutzdämmen für
die Sittlichkeit.“

Die örtliche Presse tobt. Der sozialdemokratische Anzeiger schreibt:
„Der Unsittlichkeit in Ingolstadt wurde gestern mit dem großen Scheuerlappen zu Leibe gegangen… Mit diesem terroristischen Beschluss vergewaltigt die klerikale Hälfte des Stadtrats die Mehrheit der Ingolstädter
Bevölkerung…Der Triumph der Schweißfuß- und Krampfadern – Kultivature
über die Menschen, welche nach Licht, Luft, Wasser und Sonne
verlangen, ist vollständig.“ Die neue Badeordnung sei „eine Blamage für
Ingolstadt, das rückschrittlicher wäre als kleinere Orte wie Fürstenfeldbruck,
Miesbach usw.“ Systematisch, kommentiert das Blatt, werde „Ingolstadt
in der Öffentlichkeit blamiert.“

Es kommt noch schlimmer. Unter der Überschrift „Sittlichkeitspioniere
in Ingolstadt“ zeigt der Simplicissimus eine Karikatur zum Ingolstädter
Familienbadstreit – die bald als Astlochplakat bezeichnet wird. Die
Zeichnung von Thomas Theodor Heine erscheint am 21. Juni 1930. Das
konservative (das mit den klerikalen Tendenzen der BVP nichts am Hut
hat) Tagblatt notiert gern: „ Unser Familienbad ist heute das Opfer einer
Karikatur im Simplicissimus“ geworden, und der Anzeiger schreibt:
„Das Bild haben wir an einem Fenster unseres Verlages ausgehängt.“

Zu Beginn der nächsten Stadtratssitzung legt einer der oppositionellen
Stadträte, der „Verwalter des Volksbades“ ist, die Karikatur „säuberlich
gerahmt“ auf dem Präsidiumstisch nieder – „zum Andenken für die
Schöpfer dieses Beschlusses.“ Das Protokoll vermerkt: „Allgemeine Heiterkeit
bei der Opposition, lange verschmitzte Gesichter am Tisch des
Präsidiums.“ Auch als Plakat ist die Karikatur aufgehängt und muss erst
abgenommen werden, ehe die Sitzung beginnt. Dann stellt der Verwalter
des Volksbads den Dringlichkeitsantrag, mit sofortiger Wirkung die alte
Badeordnung wieder herzustellen, also das Familienbaden wieder zuzulassen.

Mit denkbar knapper Mehrheit (mit 15 gegen 14 Stimmen) führt
der Stadtrat das gemeinsame Baden von Männern und Frauen wieder ein.

Diese und andere Geschichten lesen Sie im IngolStadtBuch2 (im Buchhandel ab 12. 12. 2018).